Selbstbestimmt oder fremdbestimmt

Gedanken zum Gesamtkunstwerk Mensch

Vor einigen Monaten trat ich abends gegen 23 Uhr auf die Straße, um die Stimmung zu spüren: die Straßen waren leergefegt, keine Menschenseele war zu sehen, es war gespenstisch und ziemlich depressiv.

Ich war im niederländischen Leiden zu einer Besprechung für das vorliegende TOPAZ-Magazin. Natürlich hatte ich mitbekommen, dass an diesem Abend die Holländer ihr Spiel in der Europameisterschaft gegen Portugal hatten. Die Stimmung, die nun in der Luft lag, bedurfte keiner weiteren Worte. Der Ausgang des Spiels war klar.

Auch am nächsten Tag spürte ich eine allgemeine melancholische Stimmung. Dabei hätte ich mich über einen anderen Ausgang gefreut.

Dieses vorherrschende etwas depressive Grundgefühl, das wie eine diesige Wolke in der Luft lag, besserte sich, als ich an die deutsche Grenze kam. Nun ja, ich erinnerte mich. Wir hatten eine ähnliche Erfahrung im Spiel gegen die Tschechen ja schon einige Tage vorher hinter uns gebracht...

Die Abläufe, die Muster in sportlichen Wettkämpfen sind dabei immer die gleichen, egal wer verliert oder gewinnt. Das gleiche Denken, dieselben Gefühle und Emotionen in Millionen von Köpfen können das Energiefeld eines Erfolges oder Misserfolges verstärken. Denn was ein Mensch geistig oder emotional produziert, hinterlässt für eine gewisse Zeit ein unsichtbares Echo, eine Art Energiefeld, da Energie nicht zerstört, sondern nur umgewandelt werden kann. Wenn wir so ein Energiefeld wahrnehmen, registrieren wir das als angenehme oder unangenehme „Stimmung". Wir kennen dies vom Arbeitsplatz oder in der Familie, wenn die Dinge nicht so gut laufen und die Atmosphäre für Tage angespannt ist. Wir kennen auch die Spannung, die „in der Luft liegt", wenn man einen Raum betritt, in dem sich gerade Menschen sehr gestritten haben. Und plötzlich wird man selbst gereizt. Wenn man sich mit einem Energiefeld unachtsam oder unreflektiert identifiziert, ist der Tag in seinem Grunderleben fast vorherbestimmt.

Es geht mir hier nicht um Fußball. Wieder einmal ging mir die Frage durch den Kopf, wie sehr ist mein Leben selbstbestimmt oder fremdbestimmt.

Wie sehr unterliegt mein Leben Einflüssen, die ich gar nicht möchte, die ich vielleicht auch gar nicht kenne oder bewusst wahrnehme, weil ich mich nicht dafür sensibilisiert habe. Wie kann man Selbstbestimmung im eigenen Leben maximieren und welche Orientierungspunkte könnte es geben?

Ich bin der Überzeugung, dass das „Gesamtkunstwerk Mensch" aus der Summe vieler Mosaiksteinchen entsteht.

Früher vermittelten in unserer westlichen Kultur Institutionen, Verbände, Kirchen, Politik und öffentliche Moral Halt und Rahmen. Heute greifen viele dieser traditionellen Koordinatensysteme nicht mehr richtig. Viele Menschen suchen heute nach Alternativen, z.B. in östlichen Philosophien. Sie suchen nach einer individuellen Ethik, was nicht unbedingt gleichbedeutend mit einem egoistischen Freibrief sein muss.

Die oft zitierte Orientierungskrise unserer Zeit ist gleichzeitig auch eine Orientierungschance, eine Möglichkeit, sich aus vorgefertigten Programmen und Denkschablonen zu lösen, um zu einer „optimalen" Lebensgestaltung zu kommen.

Sich selbst zu finden und neu zu definieren wird zunehmend gerade für viele junge Menschen zu einer Art Lebensaufgabe. Das Projekt eines gelungenen Lebens wird vielfach zu einem Patchwork aus neuen und alten Mustern, Templates. Was sich heute bewährt, wird bewahrt, der Rest fliegt über Bord.

Kommen wir zurück zur Frage nach der Selbstbestimmung im Leben. Wie kann ich mich dafür sensibilisieren? Dies kann kein in sich ein für alle mal abgeschlossener Prozess sein, wenn er auf Tuchfühlung mit der Lebenswirklichkeit sein will.

Selbstbestimmung ist eher ein ständiges Neu-Hinsehen, aufmerksam verfolgen, Korrekturen auf dem Weg machen. Den Weg muss jeder für sich selbst festlegen!

Die Frage stellt sich: Wie können wir uns jeden Tag aufs Neue gut in die Spur setzen? Wie können wir jeden Tag möglichst optimal, ethisch und stimmig leben? Wie können wir so leben, dass wir nicht den Überblick verlieren oder nach Jahren feststellen, dass wir von unserem Kurs abgekommen sind? Wie können wir vermeiden, Zwängen oder Moden unserer Zeit aufzusitzen, die uns Zeit, Geld oder Energie kosten?

Ein Weg, der für mich und viele Menschen im Template Netzwerk seit Jahren funktioniert, ist eine Art meditativer Selbstbefragung, ein morgendliches Innehalten, um Denken, Fühlen und die intuitiven Sinne einzuschalten. Dabei handelt es sich um Fragen allgemeiner Art, die helfen können, sich und den Tag nach jedem Erwachen neu zu begutachten, nahe am eigenen Kern zu bleiben und Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens einzuplanen.

Regelmäßiges Innehalten ist ein guter und wirksamer Weg, den täglichen Belastungen gestärkt und intakter zu begegnen, um so mehr aus unserem persönlichen „Gesamtkunstwerk Mensch" zu machen.