Die Umsetzung von Werten und ihre förderliche Wirkung

Von Lotten Kärre, Niederlande

Mit „Wert" ist in diesem Zusammenhang nicht ein finanzieller Wert gemeint, sondern eine Art Mehrwert, eine Wertsteigerung und Wertmehrung, die durch menschliches Zutun entstehen, durch Ermutigung, Komplimente, Wertschätzung, Anerkennung, Wärme, Staunen usw. Dies Art von Mehrwert ist nicht nur produktorientiert, sondern vor allem auch prozessorientiert.

Zuerst gibt es also Prozesse mit einer unsichtbaren Seite von Sich-Ereignen, von Aktionen und Reaktionen, und daraus entstehen Produkte, Ergebnisse. Der weise Lehrer, Mentor oder Meister ist sich darüber im Klaren und wird dafür sorgen, dass seine Schüler Werte und auch Inspiration, Selbstachtung oder Weitblick aufbauen, bevor ein Endprodukt fertig ist. Beispiele hierzu findet man im Artikel „Kunst und Erziehung" (Topaz 15) oder im Artikel „ADS-Kinder gewinnen Vertrauen in ruhiger Umgebung" (Topaz 7).

Aber wieder zurück zur Werten. Ich möchte zwei Geschichten erzählen, die die Bedeutung von wertorientiertem Schaffen näher veranschaulichen. Die erste stammt aus meiner wöchentlichen Haushaltsroutine:

„Jeden Dienstag holen wir beim Ökobauern in unserem Dorf eine Ökotüte mit den Erträgen dieser Woche ab. Das Gemüse liegt in einem Karton ohne Plastikumhüllung oder Papierabdeckung. Es sieht aus, als ob es direkt vom Feld kommt. Zwischen dem Lauch und den Karotten liegt ein Zettel mit einem anschaulichen Bericht, was während der Woche alles auf dem Hof passiert ist: Regen, Sonne, Wind oder Kälte, der Fortschritt der einzelnen Früchte, was in den nächsten Wochen erwartet wird und auch die Ansichten und Gedanken der Bauersleute über das, was sie machen. Hier ist als Beispiel ein Bericht vom Februar: ‚Beim Pflücken des Winterportulak heute Morgen war es so kalt, dass ich Angst hatte, ich würde mich in meine tauben Finger schneiden. Aber das Kraut war so schön, wie es da aufrecht und stolz und gleichzeitig weich und fein dastand, dass sich alles richtig anfühlte. Ich hätte stundenlang weitermachen können.'

Vor kurzem gab es einen Notfall auf dem Bauernhof, und Verwandte und Bekannte wurden gebeten, einzuspringen und mitzuhelfen. Und so standen dann in den frühen Morgenstunden 20 Helfer auf dem Feld, die ihrer Büroarbeit entflohen waren und Rote Beete ernteten.

Die zweite Geschichte hat mir ein Freund erzählt, der Geschichten über besondere Initiativen sammelt:

„In einem kleinen Dorf im Norden lebt ein 77-jähriger Mann, der kleine Hütten für Bushaltestellen baut. Im Winter ist es dort sehr kalt, seine Gemeinde wollte aber kein Geld investieren. Und so hat dieser Mann den Entschluss gefasst, als ein Zeichen gegen die Kälte in der Gesellschaft Unterstände für die Bushaltestellen in der Umgebung zu errichten. Er finanziert das Projekt aus eigenen Mitteln und transportiert das Holz und die anderen Baumaterialien auf seinem alten Moped. In jeden Unterstand baut er Licht ein, legt Zeitungen aus und stellt bequeme Stühle auf. Er sagt: ‚Ich möchte, dass sich Leute in den Unterständen wohl fühlen. Es ist wichtig, dass die Menschen spüren, dass sie sich an einem Ort befinden, der sich angenehm anfühlt. Manchmal stelle ich als Dekoration ein paar Objekte auf, die man betrachten kann, und die machen dann das gewisse Extra aus.' Einen der Unterstände schmücken die Nachbarn mit Weihnachtsdekoration, und manchmal legt jemand anders eine neue Zeitung, eine Zeitschrift oder sogar ein Buch aus. Dann freut sich der Mann: ‚So toll ist das! Man spürt wirklich, dass die Unterstände als „unsere Sache" betrachtet werden. So etwas gibt mir Energie!'"

Diese Beispiele deuten darauf hin, dass ein wertorientiertes Leben weit mehr bedeutet, als nur ein guter Mensch zu sein. Mindestens drei Dinge stechen heraus: der Energieschub, den man erhält, die ansteckende Wirkung von Werten (ein Ort, um den man sich kümmert, lädt diese Eigenschaft vermehrt ein, umgekehrt ist es, wenn sich niemand kümmert) und zu guter Letzt die einende und das Eis brechende Wirkung unter den Menschen.

Wenn wir alle unsere persönlichen Erfahrungen wertorientierten Handelns zusammenlegen und rund um den Globus erzählen würden, ergäbe das eine beträchtliche Quelle von Energie und Problemlösungsvorschlägen. Eine persönliche Geschichte steht in Topaz 6. Johan van Heuvel erzählt darin, wie er älteren Leuten bei Reparaturarbeiten in ihren Häusern und Wohnungen hilft und ihnen damit einigen Stress abnimmt. In einigen skandinavischen Ländern haben Gemeinden einen „Heimwerker" eingestellt, der älteren Leuten zu Hause hilft und ihnen Tätigkeiten abnimmt, bei denen man beispielsweise auf eine Leiter steigen muss. Teilweise hat sich die Unfallrate dadurch halbiert.

Ich will nicht behaupten, dass Johann van Heuvel unmittelbar diese Gemeindeentscheidung verursacht hat, aber es ist nicht zu bestreiten, dass eine persönliche Initiative wertorientierten Handelns in der heutigen Zeit die Chance hat, sich zu multiplizieren und auf der ganzen Welt zu verbreiten. Es braucht nur Menschen, die daran glauben, dass das, was sie tun, von Bedeutung ist, und mit gutem Beispiel vorangehen.

Es gibt noch ein weiteres Merkmal, das solches wertorientierte Handeln auszeichnet, nämlich eine Steigerung von Verständnis. Ein Beispiel hierfür wurde in dem Film über das Leben Mahatma Gandhis eingefangen. Auf Gandhis Reise durch Indien wuchs seine Wertschätzung für das Land und seine Bewohner, und er begann zu verstehen, wie wichtig es für die indischen Unabhängigkeitsbestrebungen war, einheimische Kleidung zu tragen. Er verstand, dass dies das Selbstbewusstsein der Inder stärken würde, aber er verstand es erst, als seine Wärme und Wertschätzung etwas in der Beziehung zu anderen Menschen schmelzen ließ.

Abschließend gesagt ist es einfacher, produktiv zu sein, wenn die begleitenden inneren Prozesse bewusst gestaltet werden. Unser menschliches System ist wie eine Laborküche voller Prozesse, die ein Experimentieren mit Bestandteilen wie Werten, Leidenschaft, Visionen und ähnlichem ermöglicht und die jeglichem Streben nach Gewinnen, Zielen und Ergebnissen eine menschliche Komponente verleiht. Der Eintritt in diese Laborküche ist ohne Vorbildung möglich und kostet nichts. Und wenn man sie einmal betreten hat, stolpert man vielleicht über den Fuchs in der berühmten Geschichte „Der kleine Prinz", der einmal mehr seine berühmte Nachricht erzählt:

‚Nur mit dem Herzen sieht man gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.'

Und vielleicht versteht man jetzt den weisen Fuchs ein bisschen besser.